Es reicht!

Frau G. (c) VinziWerke

Aus der Serie „Armut ist weiblich*“ mit Frau G.

In unserer „vinzigen“ Serie erzählen wir von Frauen*, deren schweres Schicksal sie zu den VinziWerken geführt hat. Frau G. wurde als frisch gebackene Mutter samt Kind von ihrem Partner vor die Tür gesetzt. Im Haus Rosalie konnte sie sich wieder fangen und ihr Leben neu ordnen. Die Liebe zu ihrem Kind und eine unglaubliche Kraft haben sie angetrieben, bis sie wieder Fuß fassen konnte.

Eigentlich kommt sie aus dem bosnischen Grenzort Velika Klauša. Den größten Teil ihres jungen Erwachsenenlebens hat sie aber in Kroatien verbracht. „Es ist einfach sehr schwierig, Arbeit zu finden“, sagt Frau G. Deshalb ist sie vor etwas mehr als zwei Jahren nach Österreich gekommen. Ihr nahezu perfektes Deutsch hat sie sich selbst beigebracht. Trotzdem gab es Probleme mit der Arbeitsbewilligung. Dennoch fand sich die 31-Jährige zurecht. Gearbeitet hat sie, wo sie einen Job gefunden hat – egal, ob als Putzfrau oder Kellnerin.

Bald hat sie einen Mann kennengelernt: „Er war sehr lieb zu mir. Wir sind zusammengezogen und es hat alles geklappt. Nur dann haben wir ein Kind bekommen. Auf einmal hat er angefangen zu trinken, zu kiffen, war manchmal zwei bis drei Tage einfach weg. Später hat er auch noch seine Arbeit verloren. Uns ging daheim manchmal das Essen aus, ihn hat das nicht interessiert. Ende November 2019 hat er uns von einem Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt. Ich hatte 30 Minuten Zeit, um unsere Sachen zu packen“, erzählt Frau G. von ihrem schweren Schicksalsschlag. Zunächst wollte sie ins Frauen*haus, hat allerdings keinen Platz bekommen. Ihr wurde unsere Frauen*-Notschlafstelle Haus Rosalie empfohlen und sie zog ein. „In den Nächten haben mich Existenzängste geplagt. Ich habe immer nur nachts geweint, für mein Kind wollte ich stark sein.“

Diese Stärke spiegelt sich in den Augen der tapferen Mutter wieder. Es hat nicht lange gedauert, bis sie sich wieder aufgerappelt hatte. Bald hatte sie schon wieder einen Job gefunden, „doch wie kann ich fünf Tage die Woche arbeiten, wenn mein Sohn jede zweite Woche krank ist? Ich habe 800 Euro im Monat verdient plus Mindestsicherung, aber eine Wohnung und eine Tagesmutter kann ich mir nicht leisten“, berichtet sie. Mehr würde sie als Einzelhandelskauffrau verdienen, die Lehre hat sie in Bosnien schon abgeschlossen. Doch Schicht- und Samstagsarbeit würden ihr Zeitmanagement zusätzlich erschweren. Für eine Weiterbildung hat sie das AMS abgelehnt, es gebe nicht genug Stellen.

Zu ihrem ehemaligen Partner hat sie nur sporadisch Kontakt: „Er hat sich einmal gemeldet und wollte das Kind sehen. Dann habe ich wieder länger nichts von ihm gehört.“ Den Unterhalt für ihren Sohn zu bekommen ist auch schwierig. An ihre eigene Familie kann sie sich nicht wenden: „Meine Mutter und meine Brüder sind in Bosnien. Ich möchte nicht dorthin zurück.“ Auf den Rückhalt ihrer Freunde kann sie auch nicht wirklich zählen: „Viele von ihnen haben sich abgewandt, als ich mich getrennt habe – weil das tut man nicht, es ist eine Schande. Es ist auch schwierig Freundschaften aufrecht zu halten, wenn man sich den Kaffee nicht leisten kann.“

Aufgeben stand trotzdem nie zur Debatte. Denn für eine Gemeindewohnung reicht der Lohn, den sie als Kellnerin in ihrem alten Café verdient. Zunächst hieß es nur noch warten. „Man hat mir schon Wohnungen angeboten, aber die waren schimmelig oder defekt, da wollte ich nicht hinein.“ Seitdem die Zusage für eine schöne Wohnung eingegangen ist, geht es auch für Frau G. bergauf. Für die Zukunft wünscht sie sich, was für andere selbstverständlich ist: „Gesundheit, starke Nerven, ein eigenes Zuhause, Sicherheit.“ Auf eine neue Liebe hofft sie jedenfalls nicht: „Ich will keinen Mann. Ich habe meinen Sohn, er reicht mir.“

Frau G. hat Glück gehabt, sagt sie. Sie konnte einer toxischen Beziehung entfliehen. Deshalb richtet sie ein eindringliches Appell an Frauen*, denen es ähnlich ergeht: „Lauf weg! Keiner kann dir helfen, wenn du dir selbst nicht hilfst. Aber trotz all der Angst und Scham, trotz der Gefahr, allein dazustehen – hab Mut zu sagen: ‚Es reicht!‘ Meine Mutter hat mich nicht in diese Welt gesetzt, damit ich misshandelt werde – und dich deine auch nicht!“