VinziBett – auf Herbergssuche!

Weil die bestehenden Räume einem neuen Immobilienprojekt weichen müssen, befindet sich das VinziBett, unsere Notschlafstelle für In- und Ausländer*innen in Ottakring, seit zwei Jahren auf der Suche nach einem neuen Objekt. Im Frühling müssen die fast 50 Bewohner*innen ausziehen. Wohin, ist noch ungewiss. VinziBett-Obfrau Ingrid Giller fasst ihre Gedanken zur langwierigen Suche in einem Kommentar zusammen.

Nähen ist die Leidenschaft dieser VinziBett-Bewohnerin (c) VinziWerke
Ist diese Bewohnerin des VinziBett im Frühjahr erneut obdachlos? (c) VinziWerke

Haben wir in 2020 Jahren wirklich nichts gelernt?

Es ist der Brauch der Herbergssuche, der in österreichischen Pfarren jedes Jahr ab dem  8.12. gepflegt wird. Dabei geht es um die Suche von Maria und Joseph nach einer Unterkunft in Bethlehem vor der Geburt Jesu Christi. Josef und Maria waren Fremde, kamen aus einem anderen Land, waren arm, ihre Kleidung abgerissen und haben eine ganz andere Sprache gesprochen. Sie waren eben anders als die Anderen. Wo sie Unterschlupf fanden, ist uns allen bekannt. Viele Leute stellen den Stall mit der heiligen Familie zu Weihnachten unter dem Christbaum und gedenken der Herbergssuche. Man sollte meinen, dass sich die Situation für Fremde im Jahr 2020 verändert hat. Weit gefehlt! Unsere Gesellschaft schaut unberührt zu wie 50 Herbergsuchende wieder auf der Straße landen. Dabei müsste das nicht sein. Seit 12 Jahren kümmert sich das VinziBett um die, die keiner haben will. Es wurde damals als Notschlafstelle gegründet, veränderte allerdings in den letzten Jahren sein Aufgabenprofil. Die Gäste wurden immer älter und sie blieben immer länger. Mittlerweile ist das VinziBett für 30 betagte Obdachlose ein fixes Zuhause geworden. Die restlichen 20 Betten werden an Tagesgäste vergeben. Wir nehmen Männer und Frauen auf, unabhängig von Nationalität, ohne Anspruchsberechtigung auf dauerhafte Unterbringung in anderen Einrichtungen. Das VinziBett ist für alle Menschen in Notsituationen da. Bei uns finden die Gäste Frühstück und Abendessen, ein warmes, sauberes Bett, Sanitärräume und medizinische Betreuung durch eine praktische Ärztin. Auch die Hunde unserer Gäste sind willkommen.

Das VinziBett ist eine Einrichtung, die mit 50 ehrenamtlichen Mitarbeitern, ohne staatliche Förderungen 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag, für seine Gäste da ist. Wir reagieren spontan und lösungsorientiert auf Herausforderungen.

Leider müssen wir aus unserem derzeitigen Standort in der Ottakringer Straße 20 im März ausziehen, da sich die Miteigentümer durch unsere Gäste belästigt fühlen. Völlig unverständlich, laut einer Anrainerin. Es wird vermutet, dass der Hausherr mit dem Haus ganz andere Pläne hat.

Voller Tatendrang haben wir uns bereits vor zwei Jahren auf Haussuche gemacht und mussten ganz schnell feststellen, dass viele begeistert sind von unserer Arbeit, aber keiner eine Notschlafstelle in der Nachbarschaft haben möchte. Unser Problem ist, dass wir nicht mit großen Kinderaugen oder fluffigem Pelz für uns werben können. Unsere Gäste sind alt, krank und vom Leben gezeichnet. Mit ihren Bildern berührt man die Herzen auf ganz andere Art. Leider wollen viele davon nichts wissen.  Diese Art der Obdachlosigkeit sei „Armut in seiner hässlichsten Form, die keiner will“, sagt Pfarrer Wolfgang Pucher, Gründer der Vinzenzgemeinschaft Eggenberg – VinziWerke.

„Unser Problem ist, dass wir nicht mit großen Kinderaugen oder fluffigem Pelz für uns werben können. Unsere Gäste sind alt, krank und vom Leben gezeichnet. Mit ihren Bildern berührt man die Herzen auf ganz andere Art. Leider wollen viele davon nichts wissen.“

Ingrid Giller, Obfrau VinziBett

Immer wieder wurden Häuser besichtigt. Sobald das Wort „Notschlafstelle“ gefallen war, war es vorbei mit dem Vermietwillen. Umso größer war die Freude, als uns vor einigen Monaten ein ehemaliges Amtshaus, das seit vier Jahren leer steht, vorgeschlagen wurde. Von der Baupolizei kam die Bestätigung, dass die Adaptierung zum Beherbergungsbetrieb genehmigungsfähig wäre. Schnell wurde der Antrag auf Überlassung gestellt. Wir analysierten den derzeitigen Bedarf und entwickelten viele Ideen. Endlich würde es möglich sein, mehr Plätze für Frauen anzubieten.

Aber wir haben uns zu früh gefreut. Unser Antrag scheint Corona zu haben. Er fiebert auf Erledigung und bringt wohl so manchen Entscheidungsträger zum Husten. Noch hoffen wir, dass das VinziBett kein Kollateralschaden von Corona wird. Sonst würden 50 Wohnungslose wieder auf der Straße stehen. Viele davon alt und krank, ohne einer Möglichkeit, die letzten Jahre friedvoll und in Sicherheit zu verbringen.

Seit einiger Zeit wird nachdrücklich darauf hingewiesen, dass ein sehr hoher Prozentsatz von Frauen Gewalt ausgesetzt ist. Wie gut, dass dieser Umstand nicht länger totgeschwiegen wird. Frauen werden ermutigt, sich zu wehren, um der häuslichen Gewalt zu entfliehen. Doch wohin, wenn es in ganz Wien nur wenige Plätze gibt? Da bringt ein Übergangswohnhaus für Frauen nur eine geringe Linderung des Problems. Besonders nicht anspruchsberechtigte Frauen stehen schnell auf der Straße. Ob das – nach französischem Vorbild – zurzeit viel diskutierte ‚orange Licht‘ sie wärmen wird, ist zu bezweifeln. Vielmehr scheint es ein zahnloses Aufbäumen ohne weiterer Wirkung zu sein.

Das soziale Gewissen endet bei vielen dort, wo man nicht gerne hinschaut. Es wäre dringend notwendig, dass die Gesellschaft nicht auch noch weghört wenn die Ärmsten auf ihrer Herbergssuche anklopfen.

Ingrid Giller
Obfrau VinziBett