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Glück

Von: Sylvia Kieberger

Ursprünglich erschienen in der Zeitschrift „Armendienst“, Jahrgang 41/3

Auf der Straße leben. Nicht arbeiten gehen müssen. Keine Pflichten. Klingt das manchmal noch ein bisschen romantisch, schlafen unter dem Sternenhimmel, der Wind streicht sanft über unsere müden Glieder aber halt! Ist dies wirklich das Leben der Obdachlosen? In Wien „Sandler“ genannt. Nein gar nicht, da ist nichts Romantisches, niemand hatte oder hat diesen „Berufswunsch“ oder dies als Lebensziel gewählt. Oft sind es Lebenskrisen die Menschen in diese Situation treibt. Jede*r – und ich meine das so wie geschrieben – wirklich jede*r kann in so eine Situation geraten. Eine Fehlentscheidung, eine falsche Einschätzung, Vertrauen in die falsche(n) Person(en) gesetzt und plötzlich ist man auf den Weg in die Schieflage und je steiler sie wird desto leichter kann man abrutschen.

Sind Sie kein Mensch?

Sie lächeln, Sie sind sich sicher, dass genau das nicht möglich ist. Sind Sie kein Mensch? Denn jeder Mensch hat mehr oder weniger ausgeprägte Schwächen, nur Götter und Roboter (und bei denen ist das nicht sicher) sind absolut fehlerlos. Haben Sie schon einmal jemandem vertraut, der des Vertrauens nicht würdig war? Wenn Sie Glück hatten waren es nur Kleinigkeiten, wo der Ver-trauensbruch weh getan hatte, er hat aber nicht in einer Katastrophe gemündet.

Gück ist oft ein wesentlicher Faktor in der Entwicklung unseres Lebens. Niemand von uns, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, ist unabhängig von äußeren Umständen. Sie können nichts dagegen unternehmen, wenn Ihre Arbeitskraft am Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt ist. Wenn Sie noch mehr Pech haben, gehören Sie einer Generation an, wo es vielen mit der gleichen Ausbildung genauso geht. Vielleicht finden Sie eine der raren Stellen, vielleicht aber auch nicht. Weiter- und Fortbildung hilft nicht immer, vor allem in Zeiten von geringen Stellenangeboten.

Vielleicht kommt noch das Pech dazu, dass Ihre Familie aufgrund dieser Situation zerbricht. Wenn Sie ein Mann sind, ist die Wahrscheinlichkeit, die Wohnung zu verlieren, enorm. In einer Zeit, wo das Geld knapp ist, gleicht eine kostengünstige Wohnung in Wien zu finden oft einem Lottospiel.

Man braucht entweder Eigenkapital, das ja mittlerweile durch lange Arbeitslosigkeit und Scheidung geschrumpft bis nicht mehr vorhanden ist; oder eine Einkommensbestätigung, wobei staatliche Leistungen oftmals nicht anerkannt werden.

Abhilfe beim Alkohol

Wohin? Selbst die billigste Pension frisst das Arbeitslosengeld oder die Notstandshilfe auf. Also das Leben in einer kirchlichen oder staatlichen Stelle für Nichtsesshafte. Gut dass es sie gibt, aber viele klagen über die anderen Gäste und man ist den ganzen Tag auf der Straße. Wenn Sie sich in trockenen, beheizten oder klimatisierten Räumen aufhalten, fällt es nicht so auf. Aber das Wetter ist manchmal richtig grausam. Wenn man dann keine Möglichkeit hat, sich nach einem Regenguss wieder zu trocknen oder aufzuwärmen, dann ist die Versuchung groß, sich Abhilfe beim Alkohol zu verschaffen. Alkohol hat die Eigenschaft, subjektiv zu wärmen und er vertreibt auch kurzzeitig Ängste und Sorgen. Beides eine trügerische Sicherheit, die sich immer rächt. Und so beginnt der stille Ausschluss aus der Gesellschaft. Man wird in den Augen der anderen ein „Sandler“. Kein Mensch mehr, mit all seinen menschlichen Bedürfnissen, Ängsten und Sorgen. Bloß jemand, auf den man herabschaut.

Herr oder Frau X

Viele können in der Enge und Begrenztheit der Schlafstellen keine Ruhe finden, sie leben dann tatsächlich auf der Straße. Halten Sie die Augen offen, Sie werden ihre Spuren immer finden. Glück bedeutet es dann, wenn es jemanden gibt, der ihnen die Hand reicht. Eine Freundin strickt Hauben und bringt diese mit Hustenzuckerln und Taschentüchern in den Stadtpark. Sie werden sagen, das ist nicht viel. Sie täuschen sich. Für Einige bedeutet das: sie werden gesehen, beachtet und man versucht ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. Wenn alle einen Teil beitragen, wenn auch noch so klein, dann gibt es keine „Sandler“ mehr, sondern nur mehr Herrn oder Frau X. Seien wir dankbar, dass unser Leben sicherer und besser ist und hoffen wir, dass es so bleibt.