…oder warum auch in diesem Bereich die Scham endlich die Seite wechseln müsste
In David Finchers 90er-Jahre-Filmklassiker ‚Fight Club‘ fällt folgender Satz: „Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen.“ Damit ist der (westliche) Teufelskreis aus Arm und Reich sowie Sein und Schein relativ präzise zusammengefasst. Von: Andrea Seiler
Dieser Artikel erschien zuerst im März 2025 im „Armendienst“, Ausgabe 41/2.

Auch in einem reichen Land wie Österreich sind rund 1,3 Millionen Menschen armutsgefährdet, quasi jede 7. Person. Wie aber ist das möglich, wo doch über 80 % der Bevölkerung ein bis zwei Urlaube pro Jahr plant, wo die Parkplätze vor Supermärkten größtenteils mit riesigen, teuren Autos zugeparkt sind, und wo hochpreisige Veranstaltungen und Luxuslokale regelmäßig ausgebucht sind?
Armut hat viele Gesichter. Ebenso viele wie Ursachen, die oft struktureller Natur sind: Geschlechterungerechtigkeit, unbezahlte Fürsorge, Teilzeit – vieles betrifft mehrheitlich übrigens Frauen. Armut begegnet uns als Schicksal oder Strafe, Krankheit, Pech oder soziales Stigma – und begegnet uns doch oft gar nicht, weil sie unsichtbar bleibt, gern übersehen, bewusst ignoriert oder von den Betroffenen selbst schamhaft versteckt wird.
„Ich konsumiere, also bin ich.“ / „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein!“ Paraphrasen aus Philosophiegeschichte und Weltliteratur tragen, gepaart mit dümmlichsten Werbeslogans, zur Infantilisierung unserer Konsumgesellschaft bei, in der Menschen nur SIND, weil (und was) sie HABEN. Oder aus dem Blickfeld verschwinden. Wie Arbeit fungiert auch Besitz identitätsstiftend. Und wer bewusst keine Schulden machen will und offensichtlich „arm“ bleibt, hat sich in unserer Leistungs- und Selbstoptimierungswelt bloß nicht genug angestrengt. Damit wird Armut schnell zum Makel, zur Schwäche, zum Tabu. Und lässt sich dabei doch nie ganz verbergen, denn wir sind zugleich unterbezahlt und überarbeitet, sowie übergewichtig und unterernährt.
Besonders irritiert die Verbindung zwischen Ernährungsarmut und Lebensmittelverschwendung. Weltweit wird ein Drittel der Lebensmittel weggeworfen. Bereits ein Viertel davon würde aber schon ausreichen, um den Hunger auf der ganzen Welt zu beenden. Hunderte Millionen Menschen leiden derzeit in über 50 Ländern an akuter Hungersnot, allein 38 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind mangelernährt. Das ist der höchste Stand seit zehn Jahren! Gründe dafür sind freilich auch Kriege und Konflikte, Vertreibung und Flucht sowie Klimakatastrophen. Müßig zu erwähnen, dass auch nur ein Bruchteil des Rüstungsbudgets die erdenweite Not schlagartig beenden könnte. Und dass kleine Beiträge Einzelner zu Unrecht immer kleingeredet werden, nach dem Motto: Man kann nicht allen helfen, und hilft deshalb vorsichtshalber keinem …
Wo beginnt eigentlich Armut? In einem reichen Staat mitunter schon dort, wo man nicht mitkann mit der Menge, sich Markenkleidung, Designerware und allerlei Standardbesitz schlicht nicht leisten kann. Dabei ist Luxus grundsätzlich nicht verwerflich! Ich bin sehr bei Oscar Wilde, wenn er schreibt: „Nichts ist manchmal so notwendig wie das Überflüssige.“ Stimmt! Manchmal! Und wenn es als überflüssig erkannt und genossen wird, wenn es Luxus bleibt – und darum etwas, auf das man sparen und warten muss, etwas Besonderes darstellt, das sich auch so anfühlt. Gegenwärtig stehen Überfluss und Verschwendung jedoch automatisch am Programm. Dass es sich dabei allerdings um kein Phänomen der Neuzeit handelt, beweist der ewig gültige Satz des Hl. Basilius aus dem 4. Jhdt.: „Den Mantel, den du nicht benutzt, hast du den Armen gestohlen.“
Für Mutter Teresa war neben dem Hunger nach Brot der Hunger nach Liebe, Freundlichkeit und Achtung die größte Armut, an der Menschen leiden können. Bestätigt hat das unter anderem Milliardär Onassis mit dem Bekenntnis: „Ein reicher Mann ist oft nur ein armer Mann mit sehr viel Geld.“ Ein besonders perfides und schwer zu entlarvendes Gesicht der Armut ist deshalb die Einsamkeit. In Michael Endes ‚Momo‘ lesen wir: „Es gibt Reichtümer, an denen man zugrunde geht, wenn man sie nicht mit anderen teilen kann.“
A propos andere: Für mich gibt es noch eine spezielle Art von Armut, die sich in schockierender Gleichheit und unhinterfragter Angepasstheit versteckt, denn ich persönlich sehe einen großen Reichtum in der Verschiedenheit, die sich in ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen widerspiegeln könnte, es aber selten tut. Als ob wir alle das gleiche Leben führen müssten! In einem armen Land sind fast alle gleich und die Armut ist von schicksalhafter Tragik. In einem reichen Land aber ist es ein bisschen anders. Umstritten ist hier die Mittellosigkeit, nicht der Wohlstand. Viele Menschen schämen sich für ihre Armut, die ihnen die Teilhabe am öffentlichen Leben, an Sozialkontakten, Unterhaltung und Konsum versagt.
Die engste Verbündete der Armut ist immer die Scham. Und da liegt der Fehler! Schon Honoré de Balzac notierte: „Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen.“ In dieselbe Kerbe schlug später Kollege Chesterton mit dem noch provokanteren Satz: „In jedem Land sind die Reichen der Abschaum der Erde.“ Noch später mutmaßte Brecht, man müsse kein Verbrecher sein, um eine Bank auszurauben, sehr wohl aber, um eine zu gründen. Insofern lässt sich der große Satz von Gisèle Pelicot, der jahrelang sexueller Gewalt durch ihren Ehemann ausgesetzten, tapferen Französin, auch in diesem Zusammenhang verwenden: „Die Scham muss endlich die Seite wechseln!“ Denn Armut mag manchen als eine Schande erscheinen, aber Reichtum ist es angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse eigentlich immer.
