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Wo Hilfe nicht fragt, was du leisten kannst

Zuerst erschienen im „Armendienst“, Jahrgang 40/5, im Dezember 2025

Erfahrungen aus meinem Langzeitpraktikum bei Solido über Begegnungen, Haltung und gelebte Menschlichkeit. Von: Julia Andraschko


Es gibt Orte, an denen Hilfe keine Bedingungen hat, wo Unterstützung einfach da ist, wenn sie gebraucht wird. Solido ist so ein Ort. Offen für Menschen, die von Obdachlosigkeit oder Wohnungslosigkeit betroffen sind und für all das, was sie mitbringen.

In einer Zeit, in der Unterstützung oft an strenge Voraussetzungen gebunden ist, durfte ich bei Solido erleben, was echte Niederschwelligkeit bedeutet: Hilfe ohne Hürden, Beziehung ohne Bedingungen. Während meines Langzeitpraktikums in der Ausbildung zur Sozialarbeiterin habe ich gelernt, wie fein die Balance zwischen Nähe und Distanz sein kann und wie viel Haltung es braucht, um einfach da zu sein.

Solido versteht sich als niederschwelliger Raum. Ein Ort, an dem Menschen angenommen werden, wie sie sind. Termine bieten Orientierung, doch sie sind flexibel und freiwillig. Formales ist Teil der Arbeit, wird aber so gestaltet, dass Beziehung und Vertrauen Vorrang haben. Ich habe erlebt, wie Menschen Angebote annehmen, sich auch wieder zurückziehen oder Grenzen austesten. Genau darin liegt die Kunst: Raum geben, aber nicht vereinnahmen, da sein, aber nicht aufdrängen.

Das Thema Nähe und Distanz hat mich besonders beschäftigt. In der Theorie sprechen wir oft von professioneller Beziehungsgestaltung, in der Praxis wird dieses Spannungsfeld immer wieder neu spürbar. Wie nah ist zu nah? Wo muss ich mich abgrenzen und wo darf ich mich berühren lassen? Ich habe gemerkt, dass Beziehung kein Werkzeug ist. Sie ist eine Haltung und sie verlangt ständige Selbstreflexion.

Geprägt hat mich bei Solido der Ansatz Housing First. Wohnen ist hier ein Grundrecht und wird nicht als Belohnung verstanden. Diese Haltung verändert den Blick auf Armut und Hilfe. Denn erst wenn ein sicherer Wohnraum vorhanden ist, kann Stabilität entstehen, im Alltag, in Beziehungen und in der eigenen Zukunftsperspektive. Housing First bedeutet, Vertrauen zu schenken und Unterstützung nicht von Leistung oder Anpassung abhängig zu machen.

In meinem Praktikum habe ich erlebt, dass Sozialarbeit vor allem eines braucht: offen bleiben, zuhören, reflektieren, da sein. Sie bedeutet nicht, alles zu reparieren, sondern Menschen in schwierigen Momenten zu begleiten und Halt zu geben. Solido ist für mich ein Lernort, an dem ich täglich Neues über Menschen, Beziehungen und mich selbst lerne. Ich bin dankbar für das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird und für die Erfahrungen, die mir zeigen, wie viel Haltung in echter Sozialarbeit steckt.