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Gregor ist VinziDorf

Wer jemals im VinziDorf tätig war, für den oder die ist neben unserem Gründungsvater, Pfarrer Wolfgang Pucher, ein Bewohner gleichbedeutend mit dem Namen VinziDorf – Gregor Weiß.

Von: Pierre Kibler

Ursprünglich erschienen in der Zeitschrift „Armendienst“, Jahrgang 41/4.

(c) Lisa-Magdalena Berger

Ziemlich genau ein Jahr nach der Gründung des Dorfs ist Herr Weiß, nach 20 Jahren auf der Straße, bei uns eingezogen und seither ein nicht wegzudenkender Teil unserer kleinen Gemeinde. Immer wieder kommen alte Wegbegleiter und erkundigen sich nach dem Stand der Dinge und meinen im gleichen Atemzug, es gebe wohl keinen Bewohner mehr, den sie kennen. Doch Herr Weiß ist nach wie vor hier und gehört schlichtweg dazu.

Herr Weiß ist nicht nur Lebenskünstler, nein, er ist tatsächlich auch Künstler im engeren Sinne und hat auf diese Weise das VinziDorf immer wieder nicht nur mit seinem Wesen, sondern auch mit seiner Kunst erhellt. Er hat einerseits viele Bilder gemalt, die die Bücher des VinziDorfs schmückten, und ist andererseits bekannt für seine Aphorismen. Schon in relativ jungen Jahren gewöhnte er sich daran, immer einen Notizblock bei sich zu tragen, um Gedanken, die ansonsten eventuell verfliegen könnten, für sich und eventuell auch für die Nachwelt festhalten zu können. Einer seiner ersten Aphorismen aus dem Jahre 1968 lautet z. B.: „Wenn wir Leben wie wir denken, würden wir Leben ohne Ende.“

Über die Jahre entstanden unzählige dieser Ein- bis Zweizeiler, die es nicht nur vermögen, zum Nachdenken anzuregen, sondern auch eine gehörige Portion Weisheit in sich tragen. Exemplarisch folgen ein paar seiner Gedanken:

„Eine Sekunde sehr lang, das Leben sehr kurz; Wenn ich lache, lachen alle mit. Wenn ich weine, bin ich ganz allein; Er glaubt an das Morgen und sah immer nur das Gestern; Gibst du ein Versprechen ab, schau, dass es kein Versprecher wird; Nichts war so ungewiss wie die vergangene Zukunft; Die Nacht war so finster – ich sah sie nicht, …“

Wenn der Mensch die Prädikate des Geheimnis-, Wunder- und Liebevollen trägt, so trägt Gregor sie schon lange. Nun könnte man nach dem Geschriebenen meinen, es handle sich hier um einen Nachruf – doch nichts liegt ferner. Gregor atmet, riecht, hört, fühlt und DENKT – kurz, er lebt.

Kürzlich traf ihn aber ein Schicksalsschlag, der die meisten von uns mit großer Sicherheit weit aus der Bahn geworfen hätte – über Nacht verlor er aufgrund einer seltenen, bis dahin für ihn unbekannten Autoimmunerkrankung sein Augenlicht. Herr Weiß, wie man ihn kennt, lässt sich aber auch davon nicht beirren. Er behält seinen Schmäh, denkt und ist weiterhin, wer er eben ist. Vielleicht hält er es hierbei mit einem seiner Aphorismen: „Auch Finsternis hat ihren Sinn, denn viel Licht blendet.“

Herr Weiß wurde nach einer Woche stationären Aufenthalts aus dem Krankenhaus entlassen. Nun stelle man sich vor, ein ganzes Leben gesehen zu haben, plötzlich zu erblinden und dann, ohne den psychischen Aspekt zu bedenken, aus dem Krankenhaus in das Eigenheim entlassen zu werden. Wie soll das funktionieren?

Natürlich überhaupt nicht. Auch eine Einrichtung wie das VinziDorf kann das leider nicht stemmen. Hier kommt das berühmte „Glück im Unglück“ zum Tragen. Seit Anfang 2025 gibt es die Einrichtung „Himmelshafen Care in Kooperation mit dem VinziDorf“, die vom Krankenhaus der Elisabethinen getragen wird und, wie der Name schon verrät, mit dem VinziDorf eng kooperiert. Diese Einrichtung ist direkt neben dem VinziDorf situiert und verfügt über drei Kurzzeit- und drei Langzeitpflegeplätze. Bestünde diese Einrichtung nicht, hätte Herr Weiß nicht nur sein Augenlicht, sondern auch seine Heimat verloren. Dank dieser Einrichtung und der Bereitschaft, Herrn Weiß gleich nach dem Krankenhaus aufzunehmen, konnte ihm zumindest ein Stück Heimat bewahrt werden. Herr Weiß lebt seither dort, wird bestmöglich versorgt und kann, wie wir ihn kennen, weiter über die (Un-)Endlichkeit des Lebens und mehr sinnieren.