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Menschen, die unser Leben verändern

Die Vinzenzgemeinschaft (VG) St. Anna Gösting in Graz hat letztes Jahr ihr 25-jähriges Bestehen gefeiert. Seit der Gründung durch eine sehr engagierte Pfarrhausfrau mit der Unterstützung des damaligen Pfarrers von Gösting ist ein Ausspruch vom hl. Vinzenz von Paul bis heute die alles umfassende Motivation unseres Tuns: „Eure einzige Aufgabe ist Handeln!“

Von: Barbara Toso-Egger

Ursprünglich erschienen in der Zeitschrift „Armendienst“, Jahrgang 41/3

Jubiläumsfeier anlässlich 25 Jahre Vinzenzgemeinschaft Gösting (c) VG Gösting

Lernhilfe der VG Gösting (c) VG Gösting

So hat sich im Laufe der Zeit eine lebendige Gemeinschaft in Gösting entwickelt, deren ehrenamtlich tätigen Mitglieder sich kreativ und engagiert je nach Fähigkeiten und Möglichkeiten einbringen. Einige bieten Lernunterstützung für Kinder an, deren Eltern sich keinen Nachhilfelehrer leisten können. Andere nutzen ihre Freizeit in der Pension um eine Art „Großeltern-Dienst“ anzubieten, zB. für zugezogene Familien aus anderen Kulturkreisen. So unterstützen sie auch bei der Integration. Andere wieder bereiten Mehlspeisen und Brötchen für das Pfarrkaffe vor, das einmal im Monat von der VG Gösting veranstaltet wird. Die Einnahmen daraus können wir dann für die Unterstützung unserer Gäste – wie wir die Menschen nennen, die uns aufsuchen – verwenden.

Enge Zusammenarbeit mit der Pfarre Gösting

Unsere Vinzenzgemeinschaft arbeitet eng mit der Pfarrcaritas zusammen. Gemeinsam sammeln wir mehrmals im Jahr Lebensmittel und Hygieneartikel, meist im nahegelegenen Supermarkt, der uns dabei ganz großartig unterstützt. Bei diesen Sammlungen helfen uns auch immer junge Menschen, die sich auf die Firmung vorbereiten. Oft unterstützen uns diese Jugendlichen auch später. Einmal in der Woche gibt es eine Sprechstunde, wo wir u.a. die gesammelten Güter an unsere Gäste ausgeben und uns Zeit nehmen, ihnen zuzuhören, wenn sie uns von ihren Sorgen und Nöten erzählen.

All das passiert nicht im Verborgenen. Wenn die Vinzenzgemeinschaft in Gösting etwa einen Gottesdienst gestaltet, dann erzählen wir von unserer Arbeit und von unseren Erlebnissen. Wir finden dabei immer Menschen, die unsere Arbeit mittragen und uns auch finanziell unterstützen.

Auch der jährlich von uns organisierte „verkehrte Adventkalender“ wird gern angenommen. Dabei werden von unseren Gästen anonym formulierte Wünsche von hilfsbereiten Mitmenschen gezogen und erfüllt.

So wie alle Vinzenzgemeinschaften sind auch wir von Spenden abhängig. Vor vielen Jahren wurde daher die „1 Euro pro Haushalt“-Aktion ins Leben gerufen. Dahinter steckt die Idee, dass es einige Tausend Euro ergäbe, wenn jeder Haushalt in Gösting nur einen Euro spenden würde. Diese Aktion wird immer noch einmal im Jahr durchgeführt. Die Spendenbereitschaft in unserer Pfarre bzw. in unserem Bezirk ist großartig und erfüllt uns mit tiefer Dankbarkeit.

Große Dankbarkeit empfinden wir auch, wenn wir von Menschen und Familien, die wir eine Zeit lang unterstützen und begleiten konnten, positive Rückmeldung bekommen. Einige von diesen Menschen bieten uns dann ihrerseits Unterstützung an, wenn es für sie wieder möglich ist. Ganz besonders hat uns der Brief einer jungen Frau gefreut, den wir vor kurzem erhalten haben. Mit ihrer Erlaubnis dürfen wir einen Ausschnitt daraus hier abdrucken:

Eine Geschichte von Flucht, Hoffnung und Ankommen

Rowaida Khalaf hat in Österreich ein neues Zuhause gefunden. (c) VG Gösting

Ich bin Rowaida Khalaf. Meine Familie und ich leben seit zehn Jahren in Gaz-Gösting. Wenn wir heute zurückblicken, fühlt sich unser Weg manchmal wie ein anderes Leben an.

Wir kommen aus Rojava, einem kurdischen Gebiet in Syrien. Dort hatten wir ein friedliches Leben. In unserer Stadt Qamishlo hatten wir ein Zuhause, einen kleinen Familienladen und alles, was wir brauchten. Meine Eltern arbeiteten hart, damit es uns gut ging.

2012 begann der Krieg in Syrien. Von einem Tag auf den anderen änderte sich unser ganzes Leben. Die Situation wurde immer gefährlicher und meine Eltern wussten, dass wir dort keine sichere Zukunft mehr haben würden. […] Als ich schulpflichtig wurde, merkten meine Eltern, dass unsere Möglichkeiten sehr begrenzt waren. Viele Kinder konnten nicht regelmäßig zur Schule gehen und gute Bildung war kaum möglich. Meine Eltern wollten für uns Sicherheit, Bildung und bessere Lebenschancen. Deshalb trafen sie eine schwere Entscheidung: die Flucht nach Österreich […] Zu Fuß flohen wir durch mehrere Länder bis nach Österreich. Viele Nächte waren voller Angst und Unsicherheit, doch meine Eltern gingen weiter, damit wir Kinder eine sichere Zukunft haben können. Schließlich kamen wir zuerst nach Unterwaltersdorf und später nach Graz-Gösting. Hier war alles neu für uns: die Sprache, die Menschen und die Kultur. Anfangs lebten wir in einer kleinen Wohnung. Wir konnten kaum Deutsch und wussten oft nicht, wie wir uns verständigen sollen. Trotzdem begegneten uns Menschen, die unser Leben verändert haben. […] Sie halfen uns beim Deutschlernen und gaben uns das Gefühl, willkommen zu sein. […] Wir sangen gemeinsam, spielten Spiele und aßen zusammen. […] Diese Menschen haben uns nicht nur geholfen, die Sprache zu lernen, sondern auch gezeigt, was Menschlichkeit bedeutet.

Mein Vater machte die Deutschkurse A1 bis B1, damit er arbeiten konnte. […] Auch meine Mutter lernte Deutsch […] Heute arbeiten meine Eltern hart für unsere Zukunft. Meine Geschwister und ich gehen hier zur Schule, haben Freundschaften geschlossen und fühlen uns als Teil dieser Gesellschaft. Ich selbst mache bald die Matura und habe große Ziele für mein Leben. Vor einem Monat bekam unsere ganze Familie die österreichische Staatsbürgerschaft. […] Wenn ich an unseren Weg denke, empfinde ich vor allem Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass wir Menschen begegnet sind, die uns nicht als Fremde gesehen haben, sondern als Menschen. […] Unsere Geschichte zeigt, dass Integration möglich ist – nicht von heute auf morgen, sondern mit Zeit, Hoffnung, harter Arbeit und Menschen, die einem eine Chance geben. Österreich hat uns Sicherheit geschenkt, aber die Menschen hier haben uns Wärme und ein neues Zuhause gegeben […] Danke an alle Menschen, die uns geholfen haben.

Die Menschen, die zu uns – zur Vinzenzgemeinschaft Gösting St.Anna kommen, verändern auch unser Leben. In der Begegnung mit ihnen entwickeln wir uns weiter und das macht unser Leben reicher.