Eine Geschichte aus der VinziRast.
Von: Doris Kerbler
Ursprünglich erschienen in der Zeitschrift „Armendienst“, Jahrgang 41/3

In seiner ersten Zeit auf der Straße schläft Jan auf Bänken und in Hauseingängen. Er schließt sich einer Gruppe von Männern an. Es ist viel Alkohol im Spiel. Und Gewalt. „Meine Eltern hätten mich sicher aufgenommen damals, aber ich habe mich zu sehr geschämt.“ Als er von einer Sozialarbeiterin die Adresse der VinziRast bekommt, fährt er in die Wilhelmstraße. „Ich habe tagelang von der anderen Straßenseite beobachtet, wie es dort zugeht.“ Er nimmt seinen Mut zusammen und geht hinein. „Wie geil war das, unter der warmen Dusche zu stehen. Sauber sein und frische Wäsche anziehen.“ Er spricht kaum Deutsch. Vieles versteht er nicht. Aber er weiß, dass er zwei Euro pro Nacht zahlen sollte. Er hat kein Geld und er Angst den Schlafplatz zu verlieren. „Die erniedrigendste Situation in meinem Leben: Am Westbahnhof auf beiden Knien um Geld betteln.“
Zwischen Notschlafstelle und Arbeitsplatz
Jetzt kann er seine Schulden zahlen und hat ein Ziel: Er will arbeiten. Er wird Küchenhilfe in einem Restaurant. „Aber es war sehr schwierig mit den vielen späten Diensten. Nachts ist ja kein Einlass in der Notschlafstelle.“ Er hat Glück. Es wird ein Wohnplatz im CortiHaus frei. Als man ihm nach zehn Monaten sagt, er soll sich eine Wohnung suchen, um Anderen Platz zu machen, weil er ja Arbeit hat und Geld verdient, ist er verzweifelt. „Ich habe wieder begonnen zu trinken und meine Arbeit verloren.“ Da bekommt er eine neue Chance: Er könne im VinziRast-Lokal im Service mitarbeiten. „Das habe ich mir nicht zugetraut. Aber es war Ansporn, einen Entzug zu machen. Danach wird Jan Mitarbeiter im Lokal „mittendrin“. Doch er will sich eine andere Welt bauen. Will seine Bedürfnisse aussprechen können. Er will nicht mehr in der Gastronomie arbeiten, vielleicht Sozialarbeit studieren.
Als neunerhaus „Peer“ hilft Jan jetzt anderen
Da bekommt er eines Tages einen Flyer in die Hand gedrückt. Über eine Ausbildung im „neunerhaus Peer Campus“ zum Peer Arbeiter, eine Art Berater, der auf Grund eigener Erfahrungen obdachlosen Menschen Unterstützung geben kann und gemeinsam mit Sozialarbeiter*innen Hilfe anbietet. „Wie immer habe ich es mir 100 mal überlegt. Ich musste zu meinen Erfahrungen auf der Straße stehen. Sie als Wert begreifen, mich nicht mehr schämen.“
Jetzt ist Jan im neunerhaus Café angestellt – als Peer Arbeiter. „Meine Arbeit braucht viel Einfühlungsvermögen und Zeit. Ich spreche nicht einfach Leute an. Ich beobachte. Vielleicht kommt nach drei Tagen ein Gespräch zustande. Ich helfe einen Schlafplatz zu finden oder einen Job. Jan weiß genau, wie schwer es ist, auf der Straße zu leben und einer Arbeit nachzugehen. Manchmal rufe ich bei der VinziRast an und frage, ob ein Schlafplatz frei ist – für jemanden, den ich betreue.“
