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Armendienst ist Gottesdienst

Gelebte Nächstenliebe beim VinziTisch

Wenn man an einem Dienstagnachmittag den VinziTisch in der Pfarre Maxglan betritt, spürt man etwas, das man in unserer modernen, oft hektischen Welt selten findet: einen Raum, in dem das Menschsein zählt – jenseits von Kontoständen oder sozialen Etiketten.

Von: Anna Hofer

Ursprünglich erschienen in der Zeitschrift „Armendienst“, Jahrgang 41/3; Fotos: Vinzenzgemeinschaften Salzburg

Fahrer*innen und Sachspender*innen bilden das Herzstück von VinziTisch (c) Fotos: VinziTisch Salzburg

Als Katharina Hofer den VinziTisch Salzburg ins Leben rief, war Lebensmittelrettung noch kaum ein gesellschaftliches Thema. Während in den Containern hinter den Supermärkten noch einwandfreie Lebensmittel entsorgt wurden, wussten Menschen in Not gleichzeitig nicht, wie sie ihren täglichen Bedarf decken sollten. In einer Zeit, in der das sogenannte „Mülltauchen“ noch verboten war, mit beladenen privaten Pkws, kleine fast heimliche Momente auf Kirchplätzen die Verteilung erfolgte. Heute verfügt der VinziTisch Salzburg über einen eigenen Standort in der Pfarre Maxglan, arbeitet mit zahlreichen Lebensmittelgeschäften zusammen und erhält regelmäßig überschüssige Ware sowie Lebensmittel rund um das Mindesthaltbarkeitsdatum. Aus der ursprünglichen Idee entstand 2020 der VinziTisch Salzburg-Land unter der Leitung von Johann Mayerhofer, worüber wir uns sehr freuen.

Armut trägt heute viele Gesichter

Damals wie heute ist der VinziTisch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Doch das Bild hat sich gewandelt. Wer heute die Tür in Maxglan öffnet, trifft nicht nur auf Menschen, die am Rande einer Gesellschaft stehen. Es sind Menschen mit niedrigen Pension, Alleinerziehende, sogar Menschen mit Erwerbstätigkeit die an den hohen Kosten für Wohnen und Energie verzweifeln und immer häufiger vor der Frage stehen wie sie den Monat finanziell bewältigen sollen. Die Not ist aus dem Verborgenen in die Mitte unserer Nachbarschaft gerückt. Und genau hier, in diesem Wissen, begegnen sich Menschen auf Augenhöhe, mit einem offenen Ohr und der tiefen Überzeugung, dass jeder Mensch Würde verdient.

Ein Ort, an dem Grenzen verschwimmen

Der VinziTisch ist weit mehr als ein Ort der Lebensmittelausgabe

Der VinziTisch ist weit mehr als ein Ort, an dem Lebensmittel verteilt werden. Er ist ein Ort der Begegnung, des Zuhörens und des Miteinanders. Hier wird Religion zweitrangig, wenn Firmlinge neben muslimischen Jugendlichen Kisten sortieren.

Immer wieder besuchen soziale Einrichtungen den VinziTisch, um die Arbeit kennenzulernen. Kindergärten bringen Weihnachtspakete für bedürftige Familien, Firmlinge helfen bei der Ausgabe mit, Lehrkräfte sensibilisieren ihre Schüler*innen für soziale Verantwortung. Jährlich unterstützen uns Jugendliche muslimischen Glaubens. Der VinziTisch zeigt eindrucksvoll, dass Nächstenliebe keine Grenzen kennt.

Ein ganz besonderes Zeichen der Solidarität setzte die bekannte Dirigentin und Musikerin Elisabeth Fuchs. Anlässlich ihres runden Geburtstages beschenkte sie den den VinziTisch mit 40 Lebensmittelpaketen, um an ihrer Freude auch jene teilhaben lassen die wenig haben. Eine Geste, die nicht nur materielle Hilfe bedeutet, sondern auch Wertschätzung und Verbundenheit ausdrückt: Es ist ein „Ich sehe dich, du gehörst dazu.“

Das Herzstück: Menschen, die ihre Zeit verschenken

All dies wäre ohne ehrenamtliches Engagement nicht möglich. Der VinziTisch lebt von Menschen, die ihre Zeit verschenken. Sie schenken nicht nur Stunden ihres Tages, sondern auch Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Menschlichkeit. Sie sind das eigentliche Kapital des VinziTisch, denn Ehrenamt ist ein Geschenk an die Gesellschaft. Es ist gelebte Nächstenliebe, die sich nicht in großen Worten ausdrückt, sondern im konkreten Handeln. Viele von ihnen sind seit den Anfängen mit dabei – ihre Treue ist ein Zeugnis dafür, dass Nächstenliebe kein flüchtiges Gefühl ist, sondern eine Entscheidung, die man jeden Tag aufs Neue trifft. Ihr Herzblut, ihre Erfahrung und ihre Verbundenheit machen den VinziTisch zu dem, was er heute ist. Gerade in einer Zeit, in der vieles immer unverbindlicher geworden ist, zeigt sich im VinziTisch-Team der Gegenentwurf und die Kraft der Gemeinschaft. Menschen stehen füreinander ein, übernehmen Verantwortung und schenken Hoffnung.

Hinschauen statt Wegwerfen

Wer den VinziTisch besucht, ist häufig erstaunt und oft auch erschüttert. Die Berge an Lebensmitteln, die hier gerettet werden, sind ein trauriges Zeugnis unserer Überflussgesellschaft. Immer mehr Menschen wollen hinter die Kulissen blicken, die Arbeit kennenlernen und verstehen, wie mit Lebensmitteln umgegangen wird. Deshalb sieht der VinziTisch seine Aufgabe nicht nur in der Versorgung von Menschen in Not, sondern auch in der Bewusstseinsbildung. Die Türen stehen offen für alle, die verstehen wollen: Wie gehen wir miteinander um? Wie gehen wir mit dem um, was uns zur Verfügung gestellt wird, der Schöpfung Gottes?

Ein Auftrag, der bleibt

16 Jahre nach seiner Gründung steht der VinziTisch Salzburg für gelebte Solidarität, für Nachhaltigkeit und für die Überzeugung, dass kein Mensch übersehen werden darf. Wenn wir von „Gottesdienst“ sprechen, dann geschieht das hier, ganz ohne liturgische Gewänder. Es geschieht im alltäglichen, ehrlichen Dienst am Nächsten. Die Herausforderungen sind größer geworden, doch ebenso wächst die Bereitschaft vieler Menschen hinzuschauen, mitzuhelfen und Verantwortung zu übernehmen. Der VinziTisch zeigt uns: Wir haben es in der Hand, die Welt ein wenig menschlicher zu machen. Es beginnt beim Hinsehen und endet dort, wo wir aufhören, den Nächsten als jemanden zu betrachten, der uns nichts angeht.