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Erfahrungen für die Praxis und das Leben

Wir haben ehemalige Praktikant*innen zu ihren Erlebnissen im VinziLife befragt. Viele sind heute als Ehrenamtliche bei uns aktiv und berichten von den Einsichten, Erfahrungen und Begegnungen, die sie während ihrer Zeit hier gesammelt haben. Von: Nathalie Kosel

Mit welchem Bild von Wohnungslosigkeit bist du ins Praktikum gestartet und wie hat sich dieses Bild durch deine Zeit im VinziLife verändert?

    Roman Mühl: Mein Bild von Wohnungslosigkeit war geprägt von Berichten und Vorstellungen, nicht von persönlicher Begegnung. Durch VinziLife wurde daraus ein respektvolles Verständnis für Menschen mit Lebenswegen, Brüchen, Schmerz sowie Ressourcen.

    Rita Grundauer: VinziLife bedeutet für mich Wärme, Zusammenhalt, Schutz und so viel mehr. Es ist ein ganz besonderer Ort, wo jeder in seiner Einzigartigkeit angenommen und wertgeschätzt wird. Ich habe dort gelernt, genauer hinzusehen, zuzuhören und Menschen mit all ihren Geschichten anzunehmen.

    Was hast du durch das Praktikum gelernt, das in keinem Lehrbuch steht?

    Petra Granitz: „Sei willkommen, so wie Du bist“ ist nicht nur der Leitspruch von VinziLife, sondern er wird auch im gegenseitigen wertschätzenden Miteinander in der Arbeit und im Begegnen mit den Bewohnerinnen* gelebt. Die Frauen* sind hier als sie selbst in der gerade anzutreffenden Zeit willkommen und die heimelige Umgebung trägt wesentlich dazu bei. Diese Atmosphäre habe ich bereits beim Vorstellungsgespräch gespürt und daher habe ich mich gerne zu einem Praktikum im VinziLife entschieden und die freiwilligen Dienste im darauffolgenden Ehrenamt mache ich ebenso immer wieder gerne.

    Roman Mühl: Ich habe gelernt, wie zentral Haltung und Beziehung sind. Unterstützung beginnt dort, wo jemand zuhört, ohne zu bewerten, und präsent bleibt. Vertrauen entsteht nicht durch große Worte, sondern durch Verlässlichkeit, Klarheit und Maß halten.

    Eugen Dolecal: Die zwischenmenschliche, phänomenologische Komponente sowie die Auswirkungen von psychischer Belastung und Wohnungslosigkeit lassen sich zwar in Lehrbüchern beschreiben, aber erst im Kontakt mit Betroffenen erfahren und haben somit eine ganz andere Qualität.

    Roman Mühl, 41
    war zuvor als Wirtschaftsingenieur tätig. Im Rahmen seines psychotherapeutischen Propädeutikums absolvierte er sein Praktikum imVinziLife.

    Was hat dich im Umgang mit den Frauen* besonders überrascht?

    Roman Mühl: So viel Stärke, Humor und feines Gespür für Beziehungen ist erlebbar, dafür bin ich dankbar. Trotz schwerwiegender Erfahrungen zeigt sich, dass respektvolle Begegnungen auf Augenhöhe gegenseitiges Vertrauen tragen.

    Eugen Dolecal: Ihre Sensibilität untereinander. Obgleich viele belastet sind und je eigene Themen haben, unterstützen sie einander, hören einander zu und bilden eine Gemeinschaft, die sensibel ist für die Individualität der Betroffenen.

    Magdalena Jauk: Wie individuell psychische Erkrankungen sind und wie unterschiedlich sie sich bei Menschen zeigen können. Außerdem auch wie stark die Frauen sind und wie gut sie Hürden und Herausforderungen mit Hilfe meistern können.

    In welchen Situationen hast du gemerkt, wie stark psychische Erkrankungen den Alltag beeinflussen?

    Roman Mühl: Psychische Erkrankungen können Denken, Wahrnehmung und Entscheidungen beeinflussen. Kleine Situationen können plötzlich viel Energie und Ruhe gleichzeitig abverlangen. Daher sind verlässliche Strukturen und eine stabile Beziehung wichtig.

    Hat sich dein Verständnis von „Hilfe“ durch das Praktikum verändert? Wenn ja, wie?

    Sonja Blaß: Ich habe verstanden, dass Hilfe nicht bedeutet, jemand zu retten oder zu verändern. Für mich heißt Hilfe, einen sicheren Rahmen zu bieten, einfach da zu sein, auch wenn es herausfordernd wird und dem Menschen zuzutrauen, seinen eigenen Weg zu gehen. Echte Hilfe stärkt die Selbstwirksamkeit, weil Verantwortung nicht abgenommen wird.

    Roman Mühl: Ja, Hilfe bedeutet für mich heute, weniger Probleme schnell lösen zu können. Menschen begleiten, ihnen zuzuhören und zuzutrauen, eigene Schritte zu setzen. Das erfordert Mut, Geduld und die Bereitschaft, Maß zu halten.

    Sonja Blaß, 41
    begann als Bürokauffrau und bildete sich zur Lebens- und Sozialberaterin weiter. Ihr Praktikum absolvierte sie im VinziLife.

    Was bedeutet VinziLife für dich persönlich?

    Sonja Blaß: Es ist ein Ort, an dem Frauen* so sein dürfen, wie sie sind, und trotzdem in ihrer eigenen Verantwortung bleiben. Es gibt einen Rahmen, der Halt gibt, ohne einzuengen – vieles ist ein „Du darfst“ statt ein „Du musst“. Durch die freiwilligen Mitarbeiter*innen wird dieser Ort bunt und lebendig, weil sich jeder mit seinen eigenen Fähigkeiten einbringen kann.

    Roman Mühl: VinziLife ist ein Ort, an dem Menschlichkeit im Mittelpunkt steht, ohne Menschen einfach zu reduzieren. VinziLife ist auch ein Raum, in dem Vertrauen entsteht, Beziehung wächst und Würde lebt. Für mich bedeutet das Demut und Dankbarkeit.

    Magdalena Jauk: Einfach ein Zusammenhalten. Jeder hilft jedem und es ist immer jemand da mit dem man reden kann. Die Bewohnerinnen* haben uns und wir haben einander und es gibt immer einen gewissen Austausch.

    Inwiefern unterscheidet sich die Realität einer Wohnungsloseneinrichtung von dem Bild, das du davor hattest?

    Roman Mühl: Die Realität ist ruhig, vielschichtig und würdevoll. Es geht um Leben, Alltägliches, Beziehungen und Stabilität. Dieses Bild steht im starken Kontrast zu vereinfachten, leider oftmals abwertenden Darstellungen von außen.

    Was würdest du Menschen sagen, die meinen, Wohnungslosigkeit sei „selbstverschuldet“?

    Sonja Blaß: Ich bin der Meinung, dass sich niemand bewusst für diesen Weg entscheidet. Wohnungslosigkeit ist meist das Ergebnis führer Verletzungen – psychisch oder körperlicher Art – und nicht Ausdruck von mangelndem Willen. Wer von „Selbstverschuldung“ spricht, hat sich meist noch nie wirklich mit den Lebensgeschichten dahinter auseinandergesetzt.

    Roman Mühl: Ich lade sie ein, genauer hinzusehen, zuzuhören und sich vor allem zu engagieren! Lebenswege sind komplex, und Wohnungslosigkeit ist meist das Ergebnis vieler Faktoren. Dem begegnen, entwickelt mehr Verständnis – auch für sich selbst.

    Eugen Dolecal: Ich würde diesen Menschen gerne verständlich machen, dass das schneller passieren kann, als man denkt. Es müssen nur wenige Ereignisse zusammenkommen, etwa Jobverlust und eine Erkrankung und die Ressourcen sowie das Angesparte sind aufgebraucht. Erkrankungen treffen nicht nur einen selbst sondern auch Partner*innen, Eltern oder die eigenen Kinder. Ich würde auch gerne daran erinnern, dass ein „soziales Netz“, also liebevolle Eltern/Verwandte/Freund*innen, die einen unterstützen (emotional, in der Care Arbeit oder auch finanziell) können, keine Selbstverständlichkeit sind.

    Rita Grundauer: Ich würde sagen, dass niemand freiwillig in so eine Situation gerät. Oft sind es viele Belastungen wie Krankheit, Gewalt, Armut oder fehlende Unterstützung, die Menschen Schritt für Schritt in die Wohnungslosigkeit bringen.

    Rita Grundauer, 26
    absolvierte ihr psychotherapeutisches Propädeutikum. Ihr Praktikum bei VinziLife war für sie der direkte Einstieg ins Ehrenamt.

    Was wünschst du dir, dass Außenstehende über psychische Erkrankungen besser verstehen würden?

    Sonja Blaß: Ich wünsche mir, dass verstanden wird, wie tief psychische Erkrankungen in den Alltag eingreifen. Dinge, die für Außenstehende einfach wirken, können eine enorme Herausforderung darstellen. Sie sind nicht einfach „abstellbar“ und haben nichts mit Schwäche zu tun – Betroffene brauchen Verständnis, Zeit und Sicherheit – keine Bewertungen.

    Roman Mühl: Ich wünsche mir mehr Geduld, Haltung und Engagement! Psychische Erkrankungen können das ganze Leben tiefgehend und schmerzvoll beeinflussen. Verständnis, Zeit, Empathie und eine respektvolle, verlässliche Beziehung – Menschen – helfen.

    Rita Grundauer: Psychische Erkrankungen kann man zwar nicht sehen, trotzdem sind sie genauso real und belastend wie körperliche Erkrankungen. Menschen dürfen nicht auf ihre Erkrankung reduziert werden, sondern sollten als ganze Personen gesehen werden.

    Magdalena Jauk: Ich würde mir wünschen, dass wir in Zukunft viele Vorurteile abbauen können und die Menschen nicht nur über ihr Krankheitsbild definieren und einordnen, denn sie sind so viel mehr.

    Was wünschst du dir von Politik und Gesellschaft im Umgang mit wohnungslosen, psychisch kranken Frauen*?

    Petra Granitz: Ich würde mir von der Politik und ebenso von der Gesellschaft einen spürbar „ehrlichen und dauerhaften“ Blick auf den Umgang und vor allem die Bedürfnisse von wohnungslosen, psychisch kranken Frauen*  wünschen. Ein Wahrnehmen und Hinschauen und ein Wegschauen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Mit dem engagierten Mitwirken der Leiterin beim Armutssymposium ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung erreicht.

    Roman Mühl: Ich wünsche mir langfristig verlässliche Strukturen, die Sicherheit bieten. Wichtig sind ausreichend Ressourcen, stabile Wohnmöglichkeiten und Zeit für Beziehung. Vor allem braucht es Haltung: Menschen nicht reduzieren, sondern ihnen mit Würde begegnen.

    Eugen Dolecal: Anerkennung und Unterstützung. Es handelt sich um Personen die in schwierigsten Situationen überlebt, gelebt und Leben gelernt haben. Als Gesellschaft sind wir daran zu messen, wie wir mit jenen umgehen, denen es nicht so gut geht wie uns.

    Magdalena Jauk: Weniger Bürokratie, mehr soziales Engagement, mehr finanzielle Förderung, weniger Hürden für Freiwillige und Praktikant*innen, einfach mehr Verständnis und Mitgefühl.

    Hast auch du Interesse an einem Praktikum in den VinziWerken Österreich? Dann melde dich direkt in der gewünschten Einrichtung oder für allgemeine Anfragen unter vinzihaus@vinzi.at bzw. unter der Telefonnummer 0316 58 58 00