Eine Kämpferin sein: Der Weg zur eigenen Wohnung

Zuerst erschienen im „Armendienst“, Jahrgang 39/2, im Juni 2024

Ulrike Kainzer musste den Tod ihres Sohnes und Gewalt erdulden. In Graz ging sie durch Phasen der Wohnungslosigkeit, bevor ihr über housing first österreich eine Wohnung vermittelt wurde. Heute blickt sie hoffnungsvoll der Zukunft entgegen. Von: Svjetlana Wisiak

Ulrike Kainzer mit ihrer jüngsten Tochter in ihrer von housing first österreich vermittelten Wohnung.

Ganz ruhig berichtet sie von der Zeit, die man sich nicht anders vorstellen kann als die schwierigste in ihrem Leben: Mit fünf Kindern saß sie vor zwei Jahren im Bus aus der Türkei nach Österreich. Der Älteste von ihnen, 15 Jahre alt, befand sich im Kampf gegen den Krebs und war im Begriff, ihn zu verlieren. Auch bis dahin war ihr Lebensweg geprägt von Kämpfen – gegen die Depression, gegen das deutsche Amt, das ihr mit Kindesentzug drohte statt ihr zu helfen, gegen die Gewalt, die sie in ihrer Beziehung erdulden musste. „Wir lebten zu dieser Zeit in Deutschland. Dort hatte ich auch den Vater meiner Kinder kennengelernt. Mit meinen Sorgen wandte ich mich an das Familienamt. Statt mir zu helfen drohte man mir dort aber damit, mir die Kinder wegzunehmen. Also folgte ich dem Vorschlag meines damaligen Partners, als Familie in die Türkei auszuwandern“, berichtet die geborene Münchnerin mit steirischen Wurzeln.

Im fremden Land kamen ungeahnte Herausforderungen hinzu: „Es war sehr schwierig, meinen schulpflichtigen Kindern den Zugang zur Bildung zu ermöglichen. Ich merkte damals schon, dass wir hier nicht langfristig bleiben konnten“, erzählt die fünffache Mutter. Als ihr Sohn schließlich an Krebs erkrankte, kam die mangelhafte medizinische Versorgung in der Türkei hinzu. Im 300 Kilometer entfernten Krankenhaus waren die Therapiemöglichkeiten beschränkt. „Als man uns gesagt hat, dass sie nichts mehr für meinen Sohn tun können, habe ich gewusst, dass wir so schnell wie möglich nach Österreich kommen müssen“, berichtet Ulrike Kainzer. Bald darauf verkaufte sie ihr Hab und Gut und setzte sich in den Bus: „Für einen Flug war mein Sohn in einem zu kritischen Zustand. Also fuhren wir über 48 Stunden lang mit dem Bus nach Graz, wo man uns in der Onkologie bereits erwartet hatte.“ Doch der Krebs war zu weit fortgeschritten, nach einigen Monaten verstarb er in einem Hospiz der Elisabethinen Graz.

Ein neues Kapitel aufschlagen

Besucht man Ulrike Kainzer heute, lernt man zuallererst die vier verbliebenen Lichtblicke in ihrem Alltag kennen: Drei Mädchen und ein Bub, die alle höflich grüßen, trotz der in der Türkei vernachlässigten Schulbildung perfekt Deutsch sprechen und eine Routine gefunden haben, die ihre letzten zwei turbulenten Jahre gar nicht erahnen lässt. Denn ihren Bruder können sie leider nur noch auf dem Friedhof besuchen.

Die mittlerweile alleinerziehende Mutter lässt sich dennoch nicht den Mut nehmen: „Meine Schwester hatte mich ins Haus Rosalie vermittelt. Zwischenzeitig kamen wir als Familie in eine Übergangswohnung. Doch leider hatte mein Expartner seine Gewaltausbrüche nicht unter Kontrolle und wir mussten sogar ins Frauen*haus. Doch dann haben wir über housing first österreich eine Wohnung erhalten.“ Die Vermittlung erfolgte über die Partnerorganisation Jugend am Werk, die sie nun auch sozialarbeiterisch betreut. „Ich fühle mich bestens aufgehoben“, berichtet sie.

housing first österreich – ein Erfolgsprojekt

Die VinziWerke sind eine der vier tragenden Organisationen von „housing first österreich – zuhause ankommen“ in der Steiermark. Im vergangenen Jahr wurde das vom Sozialministerium finanzierte Projekt in der Steiermark ausgerollt. Gemeinsam mit der Wohnplattform Steiermark, Jugend am Werk und Caritas werden Wohnungen an Menschen vermittelt, die zuvor wohnungs- oder obdachlos waren. Der günstige Wohnraum wird von den Gemeinnützigen Wohnbauträger (GBV Steiermark) zur Verfügung gestellt. Rund 200 Personen können in der Steiermark im Laufe eines Jahres so in ihre eigenen vier Wände begleitet werden.

In ihrer ersten eigenen Wohnung in Graz durfte Ulrike Kainzer im Frühjahr 2024 einen besonderen Gast begrüßen: Im Zuge eines Steiermark-Besuchs suchte Sozialminister Johannes Rauch den Austausch mit einer Bewohnerin von housing first österreich. Bei einem vorangegangenen Arbeitsgespräch mit den Träger*innen betonte er die Effektivität, mit der das Projekt in der Steiermark umgesetzt wird. Der Grund dafür kann anhand der Geschichte von Ulrike Kainzer gut dargestellt werden: Dank einer engmaschigen, interdisziplinären Zusammenarbeit und der optimalen Nutzung von Ressourcen konnte eine langfristige Lösung für die alleinerziehende Mutter gefunden werden

Ihre nächsten Schritte sind jedenfalls bereits auf einer Wunschliste erfasst: „Eine Anstellung wäre super“, schließt sie ab und wendet sich ihrer jüngsten Tochter zu.