Ziemlich beste Freunde

Zuerst erschienen im „Armendienst in Österreich“, Jahrgang 38/5, im Dezember 2023

László und József lernten sich in Ungarn kennen. Gemeinsam kamen sie nach Graz auf der Suche nach einem bessern Leben. Von: Edina Görög-Nagy

László H. kommt aus Pécs (Fünfkirchen) in Ungarn, ist 50 Jahre alt, er ist verheiratet und hat drei studierende Töchter. Die Eltern haben ihr Leben lang hart gearbeitet, selbst die Töchter in Nebenjobs. Trotzdem war László gezwungen, seine Familie zu zurückzulassen und in Österreich besser bezahlte Arbeit zu suchen. Zuhause bewohnen sie eine Gemeindewohnung mit zwei Zimmern. Miete und Betriebskosten, die in letzter Zeit durch die Decke gegangen sind und die in Ungarn unerschwinglich gewordenen Lebenshaltungskosten bringen die Familie in eine äußerst schwierige Lage. László hatte früher ein forstwirtschaftliches Unternehmen. Nach einem schweren Unfall– sein Fuß war kaum zu retten – zehn Operationen und einer Knochenprothese hat er sich erholt. In seinem alten Beruf zu arbeiten war aber nicht mehr möglich. Mit einem Vollzeit-Arbeitsplatz in einer Autowerkstatt verdiente gerade einmal 120 Euro Netto, was nicht einmal für die Miete reicht. Die Familie nutzte jede Möglichkeit eines Nebenverdienstes – und trotzdem kam sie nicht über die Runden.

József G. ist auch knapp über 50 und kommt aus derselben Stadt. Er hatte eine sehr schwere Kindheit, sein Vater hat ihn und seine Mutter oft mit dem Gürtel geschlagen. Als er es mit 17 Jahren endlich wagte, sich zu widersetzen, wurde er verstoßen, war obdachlos und musste die Lehre zum Bäcker abbrechen. Seine Tante nahm ihn bei sich auf und er lernte endlich ein ruhiges Familienleben kennen. Inzwischen war er zu einem verhaltensauffälligen Burschen herangewachsen. Er arbeitete Vollzeit in einer Brotfabrik und verdiente dabei monatlich 80 Euro. Ihm war es wichtig, bei seiner Tante einen Beitrag für das Haushaltsbudget zu leisten. József hat oft den Job gewechselt, in der Hoffnung, irgendwo besser zu verdienen: Hühnerfabrik, Brauerei, Warentransport – jede Arbeit war ihm recht. Vor 15 Jahren hat ihn diese Hoffnung nach Österreich geführt. Hier leistete er als Hilfsarbeiter auf Baustellen Schwerstarbeit, aber er war zufrieden und wollte sich niederlassen. Doch die Liebe ist dazwischengekommen und er kehrte heim. Heute bereut er diesen Schritt, weil die Beziehung in die Brüche gegangen ist. Weitere 15 Jahre lang arbeitete er in Ungarn in verschiedenen Branchen, mittlerweile hatte er auch ein Kind zu versorgen.

In dieser Zeit hat er László kennengelernt, die Arbeitsuche und das jahrzehntelange gemeinsame „Hackeln“ hat die beiden Männer zusammengeschweißt, sie sind beste Freunde geworden. So haben sie auch gemeinsam beschlossen, nicht mehr von Monat zu Monat leben zu wollen, immer unsicher, ob sie genug für den Lebensunterhalt verdienen würden. Sie sind mit ganz wenig Erspartem in Graz angekommen, haben eifrig Arbeit gesucht und wurden bald fündig. Doch die Zeit bis zur ersten Auszahlung war eine harte. Für eine Unterkunft reichte das Geld schon gar nicht. Sie hatten sich schon darauf eingestellt, für längere Zeit auf der Straße zu nächtigen, als sie von der Notschlafstelle VinziNest hörten. Sie konnten ihr Glück kaum fassen: ein warmes Bett, Möglichkeiten für Körperhygiene und Wäschewaschen und auch noch ein warmes Essen? Das war ihre Rettung! Sie baten um Aufnahme und beruhigten die Familien zu Hause, dass sie nicht obdachlos sind. Den Nächtigungsbeitrag von einem symbolischen Euro zahlten sie immer eine Woche im Voraus, denn das gab ihnen das Gefühl von Sicherheit, nach dem sie sich sehnten.

Beide arbeiteten fast einem Jahr lang in der Paketlogistik. Ein harter Job, schon alleine aufgrund der Arbeitsstunden: morgens von 4:45 bis 8:30 Uhr und am Nachmittag wieder ab 14:30, manchmal bis 22.00 Uhr. Ihr Tag begann um 3:00 Uhr nachts und endete meist nicht vor 23:00 Uhr. Die Männer beklagen sich nicht. Sie schätzen es, dass sie – anders als bisher – einen „richtigen“ Lohn bekamen. Fällt ein*e Kolleg*in aus, greift man gerne auf László und József zurück, weil sie verlässlich sind und nie eine Extrastunde ausschlagen. „Wenn ich schon gezwungen bin, so weit von meiner Familie entfernt zu sein, dann arbeite ich so viel, wie möglich,” sagt László. „Ich bin bereit, bis zum Umfallen zu arbeiten“.

Es war eine enorme Starthilfe, dass uns das VinziNest so unterstützt hat. Man hat uns geholfen, einen Lebenslauf auf Deutsch zu schreiben und als wir eine Einstellungszusage hatten, haben wir sogar einen Meldezettel bekommen. Daran ist es ja schon oft gescheitert: ohne Job kein Meldezettel, ohne Meldezettel kein Job. Tagsüber konnten wir mit unseren Fragen und Problemen immer zu den Mitarbeiter*innen gehen. Wenn die Arbeit einmal länger gedauert hat, wurde uns das Essen zur Seite gelegt, dam wir nicht hungrig ins Bett gehen müssen. Man hat uns als Gäste aufgenommen,“ erzählt László.

József ergänzt: “Es ist schon gut, dass es ein paar Regeln gibt, sonst würde es nicht so gut laufen mit so vielen Menschen aus so vielen Ländern, mit verschiedenen Sprachen, aus verschiedenen Kulturen. Wir haben uns auch in den Zeiten der Corona-Pandemie sicher und behütet gefühlt, die regelmäßigen, unentgeltlichen Covid-Tests und die Absonderung der Erkrankten haben uns eine gewisse Sicherheit gegeben. Es war beruhigend zu sehen, wie gut organisiert alles abläuft.“

Nach einigen Monaten konnten sich László und József eine kleine Garçonnière mieten, sehr bescheiden, aber wenigstens ohne Kaution beziehbar. Zum Ausruhen gönnen sie sich selbst am Wochenende wenig Zeit. Stattdessen gehen sie betteln. Das macht sie zwar ein wenig verlegen, aber ihr Ziel, ihre Familien zu versorgen, übertrifft Scham und Müdigkeit. Die Passanten sind meistens verständnisvoll und freundlich. Das Maximum, was sie jemals bekommen haben, war 20 Euro. Doch jeder noch so kleine Betrag zählt. Mehr als 60 Prozent ihres Einkommens schicken Sie nach Hause.

Den Luxus, ihre Heimat zu besuchen, erlauben sie sich nur sehr selten. Besonders László vermisst seine Familie sehr, er würde sie gerne um sich haben. Zuerst wenigstens zu Besuch, später vielleicht für immer: „Wer will schon in einem Land leben, wo man mit 50 Jahren, nach jahrzehntelanger harter Arbeit, nur mit Mühe von Monat zu Monat überleben kann und die Kinder keine Perspektive haben,“ fragen sich beide – und nicht ohne Bitterkeit.