Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit

Ein subjektiver Blick

Dieser Leitartikel erschien zuerst im Armendienst 37/2, Juni 2022

„Ich heiße Michael und ich bin Alkoholiker“, so begann ein Besuch bei den anonymen Alkoholikern in Graz. Ich durfte vor Jahren ausnahmsweise an einem Meeting teilnehmen. Ein guter Freund von mir trank, wie sich herausstellte, sehr viel Alkohol und ich wusste nicht was ich in so einem Fall tun sollte. So kam ich zu diesem Meeting.

Von: Andreas Kleinegger, Leiter VinziTel

Als Abhängigkeit wird das zwanghafte Bedürfnis bzw. der unwiderstehliche Drang nach einem bestimmten Stimulus bezeichnet. In diesem Fall war es das Bedürfnis nach Alkohol.

Nach dem offiziellen Diagnosesystem der WHO soll Abhängigkeit als Diagnose nur dann gestellt werden, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien gleichzeitig während des letzten Jahres vorhanden waren:

  1. Ein starker Wusch oder eine Art Zwang psychotrope Substanzen zu konsumieren.
  2. Verminderte Kontrollfähigkeit in Bezug auf Beginn und Ende des Konsums.
  3. Ein körperliches Entzugssyndrom.
  4. Nachweis einer Toleranz gegenüber der Substanz, im Sinne von erhöhten Dosen, die notwendig sind. 
  5. Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen.
  6. Anhaltender Substanzkonsum trotz des Nachweises eindeutig schädlicher Folgen.
  7. Einschränkung oder Aufgabe wichtiger sozialer oder beruflicher Aktivität. (drugcom.de)

Michael stand im Raum und erzählte wie sein Leben während seiner aktiven Suchtperiode aussah: „Ich habe mindestens vier Liter Wein am Tag getrunken. Begonnen habe ich mit dem sogenannten Reparaturachterl. Über den Tag hinweg habe ich Wein und Stern getrunken.“ Doris erzählte, dass sie den Alkohol im Lampenschirm versteckt hatte und dass sie ihn in andere Flaschen, wie beispielsweise leere Putzmittelflaschen, umfüllte. Im Laufe des Meetings hörte ich noch weitere detailreiche Schilderungen von den Anwesenden. Diese unterschiedlichen Erzählungen erinnerten mich in Teilen immer wieder an das Verhalten meines Freundes. Am Ende der Sitzung fügten sich alle bislang gesammelten Erfahrungen zu einem Satz zusammen: Er ist alkoholkrank. Er blieb noch jahrelang in seinem aktiven Suchtverhalten gefangen.

Allen Erzählungen dieses Meetings war gemeinsam, dass sie ein kontinuierliches und nahezu unbezwingbares Verlangen verspürten, das Suchtmittel zu konsumieren. Dieses sogenannte Craving ist das zentrale Moment des Abhängigkeits- und Entzugsyndroms. Dessen neurobiologische Grundlage liegt in der Sensibilisierung des Belohnungssytems im Gehirn. Faktoren, die für eine Abhängigkeit verantwortlich zeichnen, sind bislang noch nicht vollständig erforscht. Genetische und frühe Umwelteinflüsse scheinen einen großen Einfluss zu haben. Abhängigkeit wird auf Grund dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse als Krankheit angesehen. Gut gemeinte Ratschläge wie: „Du musst dich nur mehr anstrengen etc.“ sind aus der Not geboren aber wenig hilfreich. Sie verweisen auf die Hilflosigkeit der mitbelasteten Menschen, denn Alkoholismus und andere Suchterkrankungen treffen nicht nur den*die Abhängige*n selbst. Insbesondere das Leben der Angehörigen wird davon massiv überschattet. Besonders Partner*innen und Kinder leiden mitunter stärker als der*die Kranke selbst. Aber auch Freund*innen und Arbeitskolleg*innen können eine Co-Abhänigigkeit entwickeln. Auf Basis der eigenen Überforderung und durchaus gut gemeint, fördern sie durch ihr Tun oder Unterlassen die Sucht oder leiden selber darunter in besonderer Form. Folgende Hinweise können auf Co-Abhängigkeit hindeuten: „Die eigenen Bedürfnisse werden zurückgestellt,  die Erkrankung wird vertuscht, Aufgaben des*der Suchterkrankten werden übernommen, es wird der Versuch unternommen, den Konsum zu kontrollieren und zu verhindern, Scham und Schuldgefühle werden entwickelt oder Wut und Resignation führen zu Schuldzuweisungen“. Das heißt, es werden Strategien im Umgang mit dem Suchtkranken entwickelt, die dem*der Angehörigen selbst schaden. Ein*e Co-abhängige*r wird zum Mitgefangenen der Sucht.

Schritte aus der Co-Abhängigkeit können sein:

  • Suchen Sie sich Hilfe in Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen.
  • Akzeptieren Sie, dass der Betroffene suchtkrank ist.
  • Hören Sie auf, ihren Angehörigen zu beschützen.
  • Übernehmen Sie (wieder) Verantwortung für Ihr eigenes Leben.
  • Verabschieden Sie sich von Schuldgefühlen. 
  • Noch einmal: Suchen Sie sich Hilfe in Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen.

Um den Spruch der Männerberatung Graz zu verwenden: Reden braucht Mut. Reden macht Mut!

Angehörige, Freund*innen und Kolleg*innen werden in ihrem Leid oftmals allein gelassen. Aber gerade sie haben das Recht, über ihre Situation gründlich nachzudenken und das eigene Leben, die eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Interessen und Sehnsüchte zu erkunden. Mit professioneller Unterstützung kann die Eigenverantwortung und Autonomie in der Art gestärkt werden, dass sie eine gute Entscheidung für sich treffen und engagiert in die Tat umsetzen können.